Irland – Überführung
avatar

Seit geraumer Zeit überlegen wir, ins Ausland zu gehen. Vorübergehend, nicht auf Dauer, aber mal wieder etwas Neues entdecken und offen für andere Menschen und Kulturen bleiben. Tatsächlich ergab sich Anfang des Jahres die Gelegenheit und mittlerweile leben wir in Dublin, Irland. Natürlich wollte ich auch meine Bonneville mitnehmen. Relativ schnell war klar, dass ich sie irgendwann “nachholen” werde. Anfang November war es nun soweit. Auf Twitter rief ich den Hashtag #ProjectBonnevilleTransfer ins Leben.

Ich hatte mich schon im Vorwege ein wenig informiert, wie diese Überführung nach Irland aussehen könnte und machte mich im Oktober an die detailliertere Planung. Diverse Routen schienen möglich, Start war natürlich immer der Norden von Hamburg, Ziel Dublin. Die Route über Calais hatte ich recht schnell verworfen. Egal ob ich mit dem Zug oder mit der Fähre gefahren wäre, ich hätte auf jeden Fall am ersten Tag ca. 800 km über Autobahnen abreissen müssen. Schlussendlich habe ich mich für die am entspanntesten scheinende Variante über Rotterdam, Hull und Holyhead entschieden.

Ich bin also am ersten Tag von Hamburg nach Rotterdam gefahren. Um 20:00 Uhr sollte ich an der Fähre in Rotterdam sein und ca. 550 km Weg lagen vor mir. Das sollte doch kein Problem sein. In Deutschland war das leider die erste Frostnacht und die Bonneville sprang zunächst nicht an. Schnell war die Batterie leer genudelt und ich kramte hektisch das Schnellladegerät hervor. Wie in kurzer Zeit doch aus einem entspannten Zeitplan fast nackte Panik werden kann.

Ich kam trotzdem noch einigermaßen zeitig los und versuchte möglichst schnell ein paar Kilometer zu machen und in den vermeintlich wärmeren Süden zu kommen. Die Fahrt verlief auch ohne weitere Probleme, nur meine Navigationslösung auf dem Handy (Navigon) ärgerte mich in Holland zwei mal, in dem sie mich von der Autobahn runter führte, nur um mich im anschließenden Kreisel sofort wieder auf die Anschlussstelle zu schicken. Vermutlich versucht der “Motorrad-Modus” wenigstens ab und zu mal eine Kurve einzubauen.

Die langen Staus rund um Amsterdam und Rotterdam waren kaum der Rede wert, da die niederländischen Autofahrer es offenbar gewohnt sind, dass Motorräder zwischen ihnen hindurch fahren. Sie machten jedenfalls bereitwillig Platz. Die Einheimischen Kradisten schalten noch dazu ihre Warnanlage an, die meine Bonnie aber gar nicht hat. Also alles kein Problem, Fähre frühzeitig und trocken erreicht. Zur Belohnung gab es dann im “Irish Pub” der Fähre erstmal ein Guiness.

Nach kurzer unruhiger Nacht traf ich am nächsten Morgen den zweiten Verrückten, der im November mit dem Motorrad nach England übersetzte. Der nette Holländer wollte mit seiner GS nach Schottland hoch und gab mir den Tipp, bei etwas Zeit doch durch den Norden Wales zu fahren. Dort gäbe es wirklich wunderschöne Strecken. Das hatte ich ohnehin vor, doch zunächst wollte ich wieder ein paar Kilometer schaffen und die nicht wirklich schöne Stadt Hull hinter mir lassen. Ich fuhr Richtung Sheffield, um mich dann durch ein größeres Waldgebiet entlang einiger Seen weiter Richtung Westen zu schlagen. Zwischen Manchester und Liverpool ging es Richtung Süden, um mich Wales zu nähern.

Nach meiner Mittagspause in einem schmierigen Truckerimbiß, machte ich mich wieder bereit, um mich dem jetzt folgenden schönen Teil zu widmen. Doch schon beim zurückschieben der Bonnie kam sie mir sehr schwergängig vor. Keine 100 m nach dem Parkplatz steuerte ich dann auch die Tankstelle an. Platzfuß am Hinterrad!

Ich hatte zunächst gedacht, dass mir so ein *** Engländer aus Scherz die Luft raus gelassen hätte, weil er mein deutsches Nummernschild gesehen hätte. Das erste Aufpumpen war schon ein Qual. Die Pumpe war derart doof konstruiert, dass ich das Ding nicht zwischen meine Speichen bekam, um den Reifen wieder aufzupumpen. Sah in etwa so aus:

Luftpumpe

Ein paar freundliche englische Trucker halfen mir dann, schnitzen mit ihrem Messer ein wenig an dem Gerät herum und opferten zusätzlich ihre Pfund-Münzen, Luft kostet nämlich in England bereits Geld. Ich kam jedoch nicht weit und schob die Tankstelle erneut an, nachdem der Reifen sehr schnell seine frische Luft wieder verloren hatte. So wurde per Telefon eine Transportmöglichkeit und eine Reifenwerkstatt gesucht. Im 50 km entfernten Liverpool wurde ich fündig. Vielen Dank noch mal an den Remote-Support durch meine Frau! Die Werkstatt empfahl auch gleich ein Transportunternehmen. Ich war ja auch gerade erst aus dem ADAC ausgetreten. Ein paar Stunden Warten, Stau und 180 Pfund später befand ich mich dann um 18:30 Uhr mit der Bonnie deep down in Liverpool.

P&R Tyres, die eigentlich um 17:30 Uhr schließen, hatten auf uns gewartet und konnten nach Reifenausbau und kurzer Analyse den Schlauch ersetzen und den eingefahrenen Nagel entfernen. Absolut top, sehr, sehr nett. Ich möchte die Werkstatt wirklich jedem ans Herz legen, der mal in Liverpool ist.

Meine Fähre in Holyhead, die um 20:30 Uhr ablegen sollte, konnte ich nun also vergessen. Es lagen noch immer 200 km Fahrt vor mir. Kurz vor 20:00 Uhr setzte ich mich also bei Dunkelheit inmitten von Liverpool wieder auf die Triumph. Schöne Straßen im Norden von Wales wurden nun durch Autobahnen im englischen Dauerregen ersetzt. Diese Tour war die härteste, die ich bisher auf dem Motorrad erlebt habe. Durchgefroren und nass kam ich am englischen Fährhafen an und musste noch einmal einige Stunden warten. Die nächste Fähre sollte 2:30 Uhr ablegen. Gegen 6:30 Uhr war ich dann endlich in Dublin im neuen Heim und meinem Bett angekommen. Dennoch freue ich mich auf die ein oder andere Tour auf der grünen Insel, von denen ich sicher hier berichten werde.